Lustspielhaus
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Massimo Rocchi

Circo Massimo

Ein Mann wie ein Zirkus

Ein Edelweiß auf dem Gipfel der Schweizer Jungfrau pudert sich nach dem Einfall der Touristen das Gesicht. Ein japanischer Fotoschütze, der mit seiner überdimensionalen Kamera kämpft,um das vornehme Pflänzchen abzuschießen, wird mit den Ausscheidungen eines hoch in der Luft kreisenden Adlers bombardiert. Denkt man sich nun diese kuriosen Szenarien in einer Person vereint – durch treffliche Pantomime, ausgefeilte Sprachartistik -, so kann man ahnen, wie es zugeht in dem Bühnenkunststück „Circo Massimo“. Massimo Rocchi, der 46-jährige italienische Wahlschweizer, Verwandlungsakrobat, Pantomime und Sprachjongleur, der Schüler Marcel Marceaus, Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises von 1998, trägt einen vielgestaltigen Zirkus in sich, erzählt mit jedem Gesichtszug Geschichten, ist alle möglichen Menschen, Tiere, Nationalitäten zugleich. Eine Dressurnummer ohne Reiter legt er auf die Bühne, Schritt, Trab und Galopp – und beim genauen Hinsehen entdeckt man auch das Pferd, das mit dem Reiter ein perfekte Symbiose eingeht. Das ist Körpersprache! „Nicht ich spreche sie“, sagt Rocchi, „sie spricht mich.“ Er praktiziert auch das „phonetische Kamasutra“ in der Manege seines babylonischen Sprachzirkus. Seine Redelust ist dabei so groß, dass ihm seine Muttersprache nicht ausreicht – er jongliert auf Italienisch, Französisch, Deutsch, Schwyzerdütsch und Spanisch mit den Idiomen Europas. Rocchi erschüttert die Zwerchfelle seiner Zuhörer mit sprachakrobatischen Hochseilakten und redet zugleich übers grammatische Sicherheitsnetz, über dem seine Worte schweben. Buchstäbliche Sprachfontänen des Französischen sprüht er feuchtfröhlich in die Bühnenluft. Und zieht sich imaginäre Spaghetti aus dem Mund, um den Auslaut der Wortes „France“ zu treffen. Sprachpantomime bricht aus ihm heraus wie ein munterer Quell, ist bei ihm nie nur eine intellektuelle Angelegenheit, sondern immer auch sinnlich-fleischliches Vergnügen. So nimmt es nicht wunder, dass er die innereuropäischen Mentalitätsunterschiede an der sprachlichen Gestaltung der Speisekarte abliest, und dass die Einheit Europas nicht im Staatsakt, sondern in einer Käsesinfonie endet. Auch mit Klischees und Alltäglichkeiten spielt Rocchi in seinem abendländischen Kulturzirkus gern. Sehr ausführlich beschreibt er, wie ein italienischer Polizist mit einem Griff in die Körpermitte einem Touristen quasi aus dem Schoß heraus den Weg weist, wie ein entfleuchtes Lüftchen im Fahrstuhl zu Komplikationen führt – oder welchen ausdrucksstarken Effekt ein Zahnstocher im Mund eines Pantomimen haben kann. Gnadenlos komisch und abgrundtief ironisch ist diese Euro-Schau, die Massimo Rocchi übrigens ausschließlich auf der Bühne gibt – das Tingeln durch die Comedy-Shows der Fernsehanstalten ist seine Sache nicht. Was also nur bedeuten kann: Hingehen! (Sören Schemeling / Badische Zeitung)